Nordwest-Zeitung berichtet über Familienturnen

ERSTMALS KINDERTURNEN FÜR HÖRGESCHÄDIGTE
Wo Gebärdensprache verbindet

Verena Sieling

Freuen sich auf das Familienturnen: Katrin Schußmann zeigt „Familie“, André Danke zeigt „Sport“

Das Angebot richtet sich an Eltern mit hörgeschädigten Kindern beziehungsweise Kindern mit hörgeschädigten Eltern. Es wird erstmals am Mittwoch in Oldenburg ausgerichtet.

OLDENBURG /DÖTLINGEN Angebote fürs Familienturnen sind vermutlich keine Seltenheit: Eltern haben dort die Möglichkeit, sich auszutauschen. Wie aber sieht es mit Eltern von hörgeschädigten Kindern beziehungsweise Kindern von hörgeschädigten Eltern aus? „Solch ein Angebot gibt es in der Region nicht“, sagt Katrin Schußmann – und möchte dies ändern. Am kommenden Mittwoch, 16. September, 16 bis 17.30 Uhr, startet erstmals solch ein Angebot für Eltern mit Eins- bis Sechsjährigen in der Turnhalle der Grundschule Hogenkamp in der Stadt Oldenburg.

Angebote selten

Das Angebot ist eine Kooperation zwischen dem Gehörlosen-Sportverein Oldenburg und der Frühförderung „Dico“ für gehörlose und schwerhörige Kinder sowie Kinder gehörloser Eltern, die Schußmann gemeinsam mit Anita Brüggemann betreibt. Es ist im ersten Jahr kostenlos – das sei vor allem Andre Danke zu verdanken.

Der Dötlinger ist der zweite Vorsitzende des Vereins. Er hat unter anderem eine Vereinsmanager-Lizenz. „Andre weiß, wo, wie und wann welche Förderanträge gestellt werden“, ergänzt Schußmann. So kam eine wichtige finanzielle Unterstützung in Höhe von 3500 Euro von der Niedersächsischen Lotto-Sportstiftung sowie den Krankenkassen der EWE und von Melitta zusammen.

Solche Turnangebote seien in Deutschland sehr selten, erzählt Schußmann. Durch Gespräche mit Eltern hörgeschädigter Kinder erfährt sie, dass sich diese oft isoliert fühlen, „es gibt keinen Austausch. Wir wollen eine Plattform schaffen.“ Sie weiß, dass die Eltern lange Autofahrten in Kauf nehmen: „Wir haben Anfragen aus Hude, Cloppenburg, Vechta, Friesland“, zählt sie auf.

Die Organisatoren wollen die Angst nehmen, mit Kindern in Gebärdensprache zu kommunizieren. Über Jahrzehnte hätten mehrere Mediziner die Position vertreten, dass man die Gebärdensprache mit hörgeschädigten Kindern vermeiden sollte, „sonst käme das Kind ja nicht ins Sprechen“, erklärt Schußmann. Wie gut die Kommunikation aber funktioniert, zeigt sie im Gespräch mit Danke: Der Dötlinger ist selbst hörgeschädigt, hat Anfang 2000 den Hörgeschädigten Sport- und Freizeitclub gegründet. Wegen fehlender Mitglieder musste er den Verein nach neun Jahren Leitung auflösen. Seit drei Jahren ist er in seinem jetzigen Verein aktiv.

Keine Anmeldung nötig

• Corona-bedingt können maximal 50 Personen teilnehmen. Das Angebot, das alle zwei Wochen stattfindet, wird von einer hörenden und einer hörgeschädigten Person geleitet. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Jedoch ist es laut Danke notwendig, sich aus Versicherungsgründen im Gehörlosen-Sportverein anzumelden. Die Mitgliedschaft ist in diesem Jahr kostenfrei, „ab 2021 erheben wir einen Monatsbeitrag“, erklärt der zweite Vorsitzende. Es gibt bei Bedarf ein Sonderkündigungsrecht.